Frauengeschichte

Frauenbildung als Lebensaufgabe

Unter dem Titel "Frauen in unserem Land" erschien 1970 im Rotapfel-Verlag ein Werk von Betty Wehrli-Knobel mit 25 kurzen Portraits. Anna Walder ist die einzige Ostschweizerin darin. Der Einblick  in das Leben einer relativ unabhängigen Frau, geboren Ende des ausgehenden 19. Jahrhunderts, ist spannend zu lesen und enthält Züge die uns deutlich zeigen, wie viel freier unser Leben als Frau geworden ist! Sie wäre gern Aerztin geworden, doch ohne Kantonsschulbesuch kein Studium, nein.
"Die heute 76jährige Anna Walder in Frauenfeld, "s Tokters Anneli", wie man sie in ihrer im Arzthaus in Wängi verbrachten Kindheit nannte, hat sich vor allem die berufliche, aber damit im Zusammenhang immer auch ganzheitliche Bildung der Frauen zur Lebensaufgabe gemacht.
Kantonsschule Frauenfeld: Keine Mädchen

"Mein Vater führte als vielbeschäftigter Landarzt die Arzttradition seines Vaters und seines Grossvaters in vorbildlicher Weise weiter. In seinem schweren Beruf wurde er in selbstloser, unermüdlicher Weise durch unsere Mutter unterstützt. Das Vorbild meiner arbeitsfreudigen, pflichtgetreuen Eltern, welche die Sorge für die Mitmenschen viel höher stellten als das Interesse für sich und die eigene Famlie, hat mich wohl am meisten beeindruckt und meinem Leben den Weg gewiesen."


Nach der Sekundarschule in Wängi und während zwei Jahren der Mädchensekundarschule in Frauenfeld hat die junge Anna Walder während einem Jahr die Spezialklasse für Französisch an der Ecole Suprieure pour Jeunes Filles in Neuenburg besucht. Am liebsten wäre sie Aerztin geworden, aber die Thurgauische Kantonsschule war damals den Mädchen noch verschlossen, so dass eine Weiterschulung gar nicht ernstlich erwogen werden konnte. Nach ihrer Rückkehr aus Neuenburg fand sie im Elternhaus eine vielseitige, interessante Beschäftigung. Der Gedanke, ihren arbeitsüberlasteten Eltern eine unentbehrliche Stütze sein zukönnen, beglückte sie.
Hilfe im Haushalt der Eltern

"Während acht Jahren habe ich tüchtig im Haushalt mitgeholfen, unter Anleitung meiner gestrengen Mutter. Ich lernte selber jungen Mädchen die ersten Kenntnisse im Kochen und Haushalten beizubringen. Nach und nach rückte ich aber auch zur Gehilfin meines Vaters auf. Ich half in den Sprechstunden mit, präparierte unter seiner Aufsicht die Medizinen in unserer Apotheke. Ich schrieb nach Diktat die vielen bezirksärztlichen Gutachten, die in meinem jugendlichen Gemüt fast allzu früh vielerlei Fragen und Probleme weckten. Mein Arbeitstag war voll ausgefüllt, auch meine Freizeit, indem es galt, mich selber weiterzubi lden, Fremdsprachen weiterzupflegen und Musik zu treiben. Was ich gelernt hatte, versuchte ich weiterzugeben. Ich hatte eine kleine Anzahl von Klavierschülem und erteilte Anfängerstunden in Französisch und Italienisch. So kam mir das Leben in unserem Dorfe nie langweilig und eintönig vor, obwohl selten ein Vergnügen den Alltag unterbrach."
Alkoholprobleme im Dorf

Die Erlebnisse im Doktorhaus öffneten der Tochter Anna sehr früh die Augen für die Not und das Elend, die der Alkohol in vielen Familien verursachte. Als sie neunzehn Jahre alt war, unterschrieb sie begeistert die Abstinenzverpflichtung auf Lebensdauer und half, von zwei Freundinnen unterstützt, bei der Gründung des Blaukreuzvereins mit. Während mehreren Jahren widmete Anna Walder ihre meiste freie Zeit an Sonn- und Werktagen der Trinkerfürsorge und der Jugendarbeit des Blauen Kreuzes.


Als der Vater aus Gesundheitsrücksichten seinen Beruf aufgeben und Haus und Praxis verkaufen mußte,veränderte sich auch der Wirkungskreis der Tochter. Nun regte sich in ihr der Wunsch nach einem Beruf.
Fürsorge als Beruf?

Sie war überzeugt, daß sie auf dem Gebiet der Fürsorge ihren Lebensberuf finden würde. Als sie, damals vier-undzwanzig Jahre alt, von einem in Zürich ausgeschriebenen sozialen Fürsorgekurs hörte, interessierte sie sich augenblicklich dafür. Nun lassen wir Anna Walder wieder selbst erzählen: "Meine Eltern waren nicht gerade begeistert von meinem Berufswunsch, indem der Beruf der Fürsorgerin noch sehr wenig bekannt war. Die ganze Sache machte ihnen einen unklaren, zu wenig bodenständigen Eindruck. Der Beruf einer Hausbeamtin hätte ihren Wünschen viel besser entsprochen. Zum Glück gaben sie mir dann aber doch die Einwilligung zum Besuch des sozialen Fürsorgekurses, der mir auch wirklich jenes Berufsgebiet erschloß, welches meinen innersten Wünschen und Neigungen entsprach. Von Anfang an interessierte mich ganz besonders die Fürsorge für die schulentlassene Jugend und für die gefährdeten Mädchen und Frauen. Es ging mir daher ein ganz persönlicher Wunsch in Erfüllung, als ich nach Beendigung des Kurses in meinem Heimatkanton vom Frauenverein zur Hebung der Sittlichkeit, wie jener damals genannt wurde, von der heutigen Frauenhilfe mit der Fürsorge für die gefährdeten Mädchen und Frauen betraut wurde. Eine glückliche Fügung des Schicksals wollte es, dass im Oktober des Jahres 1919 die erste Tagung für die weibliche Berufsberatung in Basel stattfand, an der ich als junge Fürsorgerin teilnehmen konnte. Mit Freudeund Begeisterung versuchte ich sodann, die weibliche Berufsberatung auch in unserem Kanton aufzubauen, vorerst ganz bescheiden neben der Fürsorge für die gefährdeten Mädchen, später als selbständiges Arbeitsgebiet."
Zahlreiche Aemter in Kanton und Gemeinde

Anna Walder hat den Bund Thurgauischer Frauenvereine nicht nur gegründet, sondern war auch dessen Präsidentin von 1960 -1969; Mitglied des Nationalvorstandes, Werkvertreterin der Schweiz. Stellenbüros der Freundinnen junger Mädchen 1938-1951. 35 Jahre lang amtete sie als Aktuarin derPro Infirmis Frauenfeld, war Präsidentin der Kommission der Berufsprüfungen für Bäuerinnen, Gruppe Ostschweiz, usw. usw.


...Frauenbildung gestern, Frauenbildudng heute. Nach wie vor ist diese wichtig, immer aber so zu verstehen, worin wir der bewährten Pionierin auf diesem Gebiet uneingeschränkt beipflichten können, dass die hauswirtschaftliche Bildung unbedingt ins Programm hineingehört.(...) Solche ganzheitlich verstandene und vermittelte Frauenbildung ist deswegen wichtig, weil sie sich auch geistig auswirkt, weil sie uns Frauen zu einem Selbstbewusstsein zu verhelfen vermag, das uns oft abgeht, das wir aber haben müssen, um in der heutigen Zeit, die Persönlichkeiten braucht, bestehen zu können."

 

Autorin/Autor

 

Elisabeth Bitterli
Publikationsdatum 31.05.2003
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