Politik und Gesellschaft

Mails aus Rom VI: Letzte Tage

Ruth Erat verbringt nach knapp drei Monaten ihre letzen Tage in Rom: Sie sinniert über Tagebuchheft, Himmel, Regen, staatlich verordnete Pasta- und Risottoportionen und BettlerInnen. Sie kocht sich schliesslich Bruscchette ai funghi und legt sich mit Gregorovius in die Badewanne.
Letzte Tage. Reststücke. Man müsste daran denken, dass demnächst alles Erinnerung ist. Das dritte meiner schwarz gebundenen und mit einem Gummiband zusammengehaltenen Tagebuchhefte ist bis auf einen Minimalrest vollgeschrieben und -gezeichnet. Ich muss mich entscheiden: Entweder finde ich das Geschäft wieder, in dem solch hübsche, leere Büchlein verkauft werden, oder ich bemerke zu den nun folgenden Tagen neben dem Datum allenfalls die durchschnittliche Tagestemperatur oder die hauptsächliche Farbe des Himmels - heute: weisses, flachgezogenes Gewölk, das gegen Westen hin grau wird, über mir ein grosses Stück Hellblau offen lässt. Die Farbe des Himmels scheint von Tag zu Tag bedeutsamer.
Letzte Arbeiten und Bemerkungen

Auch andere Bereiche erhalten plötzlich eine Dringlichkeit. Dringend scheint es, halbe Nachmittage im kleinen Kreuzgang von San Lorenzo fuori le Mura zu sitzen, Travertin- und Ziegelstrukturen mit Graphit abzureiben, auch zwei drei Buchstaben von Marmorfragmenttäfelchen, dazu die Farbe der Wand zu bemerken, auch den Zustand der Innenhofbepflanzung, die vereinzelt blühenden Rosen, den Salbei, den Buchs, auch zuzuhören, wie das Wasser aus der schmalen Röhre über die wenigen Steine in das Brunnenbecken läuft, festzustellen, dass es da wie immer ist: Der Weihrauch der Beerdigungen, der Franziskaner, der hier in seiner Kutte eine Zigarette raucht, die Katze, die faul herumliegt, das Herumhüpfen der einzelnen grauen Taube, sonst nichts.


Die Gäste sind abgereist, die Ruhe der Vereinzelung ist zurück. Ich schaue auf die Menschen, die in der Trambahn vor sich hin reden, betrachte mich im Spiegel der Auslagen. Ob ich wohl demnächst mit diesem selbständig zu nichts und niemandem redenden Mund herumgehe? Vor mich hin sage, dass in der Chiesa Novella das von Engeln getragene Bild der Maria mit dem Kind am Samstag nach unten wegtaucht, eine alte Fassung zeigt, eine mit Goldkronen auf den beiden Köpfen - dies, sofern man da einen kleinen Mann, der in nichts den Anschein eines Aufsehers hat, fragt, dann berichten, dass in dieser Kirche mit dem Rubens-Bild alles von Engeln gezeigt scheint, das Deckengemälde, die grossen ovalen Bilder an der Langhauswand, auch noch, dass diese Kirche grau scheint, das Gold nur zu gewissen Zeiten leuchtet, danach bemerken, dass die Phokas-Säule im Forum Romanum an einen schrecklichen byzantinischen Herrscher des sechsten Jahrhunderts erinnert, eigentlich für den letzten Akt des Niedergangs des alten römischen Reiches steht, für Pest und Gewalt und, wie Gregorovius sagt, für Rom als "verklösterte" Stadt?
Merkwürdigkeiten

Demnächst ist endlich auch der erste Band der Geschichte der Stadt Rom gelesen. Umständlich bin ich da ins sechste Jahrhundert gekommen, dies mit seinem Autor, dem der alte römische Staat vorbildlich war, Theoderich, der Gote, der letzte für Frieden einstehende Kaiser, Gregor I, ein zwar an seltsame Teufelswegfahrten und christlich sich niedersenkende Duftwolken glaubender Erfinder des Purgatoriums, aber trotzdem einer, der sich um die Bevölkerung kümmerte und der erste, der aus den Trümmern dieser Stadt eine neue, nun papistische Einheit schuf. Immer wieder schreibt Gregorovius das Wort "merkwürdig".


Ich denke daran, dass ich mir ständig Nebensächlichkeiten merke, die unbeschreibliche Form der Rinde der jungen Korkeichen beim Auditorium, das Lächeln des Bettlers ohne Beine am Corso, die Stimme der Frau, die mir am frühen Nachmittag in der Bar Marani um die Ecke "Signora, Caff?" zuruft, die Tauben, die da seit Tagen die dunklen Beeren von den Ranken picken, dabei die braunen Herbstblätter über die Gäste hinunter regnen lassen.


Merkwürdig ist das alles nicht, eher ein Zeichen dafür, wie ich hier, im San-Lorenzo-Viertel mit meinen Plastiksäcken voll Gemüse und Vongole, Pilzen und Kräutern, Bresoala und Wein vergemütliche, Rom um mich zum Dorf verkommt, in dem bemerkt wird, dass der Hagere nicht mehr täglich Stunde um Stunde die Zeitung liest, die Matronen weniger werden, weil die Gegend trendy geworden ist, alles herkommt, um in den 70-Punkte-Restaurants Tagliatelle mit Trüffeln oder Salat mit Orangenfilets zu essen, Wein zu degustieren
Eine merkwürdige Politik

Merkwürdig ist anderes, zum Beispiel das gegen die zunehmende Körperfülle der Italiener neu verordnete Gesundheitsgesetz von Berlusconi: die den Osterien und Trattorien staatlich vorgeschriebene Verringerung der Primi Piatti. Man muss mir das mehrfach bestätigen. Die vorgeschriebenen Hundeleinen und Maulkörbe, auch die für freilaufende Tiere speziell bezeichneten einzelnen Parks, habe ich geglaubt, das von den Kommunisten durchgebrachte Gesetz, das der Werbung Modelle unter vierzehn Jahren verbietet, selbst gelesen.


Die Lachhaftigkeit der Pasta- und Risottomengen scheint nur noch dann zu passen, wenn man weiss, dass Berlusconi auf dem EU-Gipfel-Foto seinem spanischen Kollegen mit der Hand das Hörnchenzeichen auf über den Kopf gesetzt hat "un cornuto" - was für ein Blödsinn. Immerhin ist das Bild eines solchen Präsidenten nützlich. Und die Linke schreibt dazu auf ihrem Plakat den Satz von den niedrigeren Steuern für alle: "meno tasse per tutti". Doch zum Lachen wird da wohl wenig Grund bleiben.
Obdachlose

Die Wohnungspreise geraten selbst im einst völlig armen San-Lorenzo-Quartier in die Nähe derer von Zürich - immerhin statistisch gesehen eine der teuersten Destinationen. Und die Zahl der Obdachlosen ist ganz bestimmt völlig falsch, weniger als ein Zwanzigstel dessen, was Deutschland zu verzeichnen hat, berichtet la Repubblica in ihrem Artikel zum erwarteten 18. Oktober, der "giornata mondiale della lotta alla miseria". Dazu gibt es in Turin eine Konferenz, in Mailand eine Diskussion, in Aosta, Genua, Verona, Pavia, Lecco und Pisa ein Fest, in Rom Debatten über die neue und die alte Armut.


Die neue Form der Bettelei wird wohl nicht zur Sprache kommen: die als alte Weiber verkleideten Männer, die rund um das Trajans-Forum herumhumpeln und -hocken, ihr Gesicht so tief zu Boden gesenkt, dass man nur mit Mühe ihre Nasenspitzen erkennt. So gehe auch ich gebückt an den Bettelnden vorbei, bis mir ein solch zitterndes und lallendes Hutzelweib an der vornehmen Via dei Condotti panische Angst einjagt, denn was da sitzt, ist eine Frau, zerstört und zerfallen, eine Zucker- und Alkoholruine, teilamputiert, den Kiefer an den Kopf zurückgebunden, um sich tastend, Wörter stammelnd. Ich laufe weg und schäme mich, ihr nicht wenigstens einige Centesimi zugeworfen zu haben.


Sie gibt es auch, diese Reststücke eines Lebens unter römischem Himmel. Da kann keine Zeit sein für Scherze auf Präsendeten-Fotos , auch wenn die Statistik andere Dinge behauptet. Lachhaft billig geworden ist nur die Fahrt mit dem Zug, drei Euro und fünfzig Cents für die zwei Stunden Anzio-Roma und Roma-Anzio. Aber die Witterung ist nicht mehr die des Sommers, sie ist eine, die einem nach und nach um die Alten auf der Strasse Angst werden lässt .
Die Vögel beim Bahnhof Termini

Und schon sind die Vögel beim Bahnhof Termini in grossen Massen angekommen. Sie sind immer da, wie ich bemerkt habe. Aber ihr Flug ändert sich. Im Sommer hüpfen sie auf den Pinien und Steineichen herum. Und ihre Flugstrecken sind kurz. Nun, im Oktober ist da ein Gelärme - ein seltsames Gequieke, wie es zuvor nicht war. Und der Himmel ist gegen Abend voll von ihrem Geschwirr. Sie fliegen auf, hängen wie verbranntes Papier in der Luft, fallen nieder, lösen sich plötzlich aus der transparent scheinenden Luft heraus, überziehen das helle Blau mit einem Punktgewölk, fliegen in Band- und Haufenformationen hoch, überlagern und trennen sich, stürzen erneut nieder, gleiten über den Bauten von Gaetano Koch und den alten Diokletiansthermen weg, erscheinen als kleine Fleckenballen, die hinsegeln, flatternd wenden, auffahren, sich neu teilen und anders zusammenfügen.


Die"stornelli" sind da. Und ich habe da in der Bar Americana meinen Platz, weiss nicht, wozu die Vögel derart vielfältig und endlos auf- und niederschwirren und lese darin die Zeichen meiner baldigen Abreise. Es ist Zeit für lange Wanderungen durch die Via Appia und für einen letzten Besuch der Villa dEste in Tivoli.
Regen

Dann fällt Regen. Und Rom scheint zu ersaufen. Man geht durch riesige Lachen. Die Trambahn hält still. Niemand weiss, warum man erneut draussen, in den ansteigenden Pfützen, zu stehen hat. Die Kirchen sind voll von Menschen, die dasitzen, einem unverständlichen Messe-Singsang lauschen, hören, wie eine Handvoll Katholiken ihre Sätze sprechen. Die Mosaike von Santa Maria in Trastevere leuchten golden wie nie. Das Kirchenschiff scheint vor der Sintflut draussen zu retten - auch davor, dass seit Jahrhunderten die Thermen mit ihren wärmenden Caldarien fehlen.


Wie im August, als mir die Vorstellung eines katholizierten Frigidariums Verlust von Schutz vor der Witterung war, ist mir auch jetzt die Kirche nur notdürftiger Ersatz für die römischen Bauten. Und wieder frage ich mich, was denn um alles in der Welt in den Menschen gefahren ist, dass er das Bad mit dem Raum für zelebrierte Schuld und aufgerichtetes Elend tauschte, den Baum zum Kreuz werden liess, die Säulenhallen mit ihren Wärme- und Kältebereichen zu einem steinernen Wald mit dem Versprechen auf ein Jenseits, vor dem Marterwerkzeuge aufgestellt sind, umformte.


Wenn es regnet, ist mit einem Mal das christliche Himmelsstreben nicht mehr zum Lachen. Auf dem Weg begegnet mir die deutsche Frau, die mir vor zwei Jahren sagte, dass sie Geld erwarte, dieses Geld aber noch nicht angekommen sei, ich ihr in der Zwischenzeit etwas vorschiessen sollte, sie kein Sozialfall sei, dem man einfach einige Münzen zustecken könne. Sie sitzt mit ihren Schachteln unter einer Platikplane und redet vor sich hin.
Trotzkleider und römisches Essen

Ich kaufe allfarben gestreifte Trotzkleider: völlig überflüssiger Weise wieder einmal eine Jacke, ein vielfach zusammengesetztes Einzelstück von einer Genfer Schneiderin, die sich freut, weil alles genau passt, dazu Handschuhe, Schal, Mütze, Hut. Und endlich entschliesse ich mich zu jenen Schuhen, die auch in St. Gallen ausgestellt waren - weiche, teure Schuhe für weite Wege - winde vor dem Vatikan meine nassen Socken aus, werfe das vom Wasser völlig durchtränkte und abgelaufene Paar weg. Die Füsse sind halbwegs trocken, die Kleider sind bunte Wimpel, die Wolken verziehen sich, das Licht wärmt Sankt Peters Travertin.


Daheim koche ich Bruscchette ai funghi, Trüffelspaghetti con Panna e Pinoli und Artischocken, liege in der Badewanne herum, lese mich mit Gregorovius durch das achte Jahrhundert der römischen Geschichte, die Folge von sofort wegsterbenden Päpsten, Pestepidemien, letzten Abtransporten römischer Schätze durch Byzanz, stelle mir das Dach des Pantheons mit seinen alten, goldenen Ziegeln vor, lache mit Michle über all die römischen Erfindungen, die ins Pantheon geschleppten Knochen der durch den Tod ins Unendliche vermehrten Heiligen, die dafür sorgten, dass dort, unter der grössten Betonkuppel, statt böser Geister ambrosischer Duft aufstieg.

 

Autorin/Autor

 

Ruth Erat
Publikationsdatum 30.10.2003
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