Politik und Gesellschaft

Organempfänger hoffen auf neues Leben. Kann man sein Sterben leben? (Teil3)

Seinen Tod akzeptieren oder das Unmögliche fordern, damit muss sich jeder Mensch auseinander setzten. Am besten, bevor er stirbt. Ist wirklich alles möglich und machbar? Wie geht es eigentlich den Organempfängern und welche Qualität hat das neue Leben für sie? Patienten wie diese bedürfen nach einer Transplantation einer besonderen Betreuung, weil sie das neue Organ oft nicht so annehmen können, wie es von ärzten gewünscht wird.
Geschenktes Leben, ganz umsonst?

35% geraten in innerseelische Konflikte, die sich als Identitätsprobleme körperlich somatisieren. Stiche an der Haut und diffuse Missempfindungen stören die Befindlichkeit. Postoperativ-kognitive Störungen wie schwere Konzentrations-, Erinnerungs-, und Merkfähigkeitsmängel können auftreten. ängste und Depressionen, Persönlichkeitszusammenbrüche und Entfremdungserscheinungen kommen vor. Die allermeisten Organempfänger(innen) stehen unter enormen Belastungen.
Das Märchen vom kalten Herz

Besonders bei Herztransplantierten, wo der übergang zu schnell und ohne innere Auseinandersetzung mit dem Problem erfolgte, kann es zu psychischen Komplikationen kommen. Das neue Organ muss seelisch voll und ganz integriert werden, damit es vom Körper angenommen wird. Das gestaltet sich oftmals schwierig, weil das kranke Organ bekannte Auswirkungen auf den Körper hatte. Das neue Organ aber gehörte zu einem anderen, unbekannten Körper. Welcher Mensch lebte damit? War er gut oder böse? Kalt oder warmherzig?
War ich - bin ich - bleibe ich?

Empfänger(innen) identifizieren sich (meist unbewusst) mit den Spendern. Erstaunlicherweise ergab eine Umfrage im Berliner Herzzentrum, dass es kaum eine Frau zu Frau Zuordnung gab, sondern sich fast alle einen männlichen Spender vorstellten. Dies birgt besonders für Frauen das Problem der Geschlechtsidentität. Fremde Organe werden nach der gelungenen OP mit Unmengen von Cortison gedopt. Bis dahin gesunde Organe werden dadurch aufs Schwerste geschädigt. Pilze, Viren und Bakterien können sich durch ein auf Null heruntergefahrenes Immunsystem rasant vermehren und tödliche Folgen haben. HIV Infizierte können ein bitteres Lied davon singen. Sie sterben nicht an Aids, sondern am nicht intakten Immunsystem, das einen simplen Schnupfen zur Lungenentzündung ausweitet und tödlich enden kann.
Es scheint wie ein Irrsinn

Transplantierte müssen sich schnurgerade auf ein höchst angreifbares Leben konzentrieren und können oder dürfen sich nicht mehr auf ein natürliches Sterben einrichten. Manche berichten, dass sie zu verdrängen versuchen, was da an Fremden in ihnen ist. Das kostet Unmengen an Energie und Kraft. Ob Organspender(in) oder Organempfänger(in), sie bezahlen einen Preis, den sie vorher kennen müssten. Kann der Sinn des Lebens sein, seinem Sterben jegliche Würde zu rauben? Ist es sinnvoll, seine Einwilligung zur Organentnahme zu geben, wenn die Angehörigen etwas anderes wollen?
Soll ich oder soll ich nicht?

Eine Zustimmung zu Lebzeiten zu geben ist notwendig, will man seine Angehörigen nicht unnötig belasten. Eine erweiterte Zustimmungslösung - wie es in Deutschland, England, Schweden, Dänemark und Holland üblich ist - wird stellvertretend von Angehörigen erwartet, wenn sich der Sterbende weder dafür noch dagegen ausgesprochen hat. Eine Widerspruchsauflösung ist grundsätzlich möglich, wenn der Spende zu Lebzeiten schriftlich widersprochen wurde und gilt nur in Finnland, Norwegen, Belgien, Frankreich, Portugal, Spanien und österreich. Man erinnere sich: die letzten beiden Länder sind Spitzenreiter der Organspende. Es bliebe reine Spekulation, ob es auch daran liegen könnte, dass die Betroffenen keine Widerspruchsauflösung bei sich trugen und es deshalb zur Organentnahme kam (zur Situation in der Schweiz vgl. Infobox.).
Gratwanderung des Auswegs

Sich offen und ehrlich in die Auseinandersetzung zu begeben und zwar zu Lebzeiten ist eine Frage der eigenen Wertescala. In den Dialog mit seinen Angehörigen zu treten und sensibel herausfinden, was sie als Zurückgebliebene brauchen werden, macht auch deutlich, wie es um das Ritual der letzten Ruhestätte bestellt ist. Brauchen sie einen Ort wie den Friedhof, einen Baum, unter dem die Asche verstreut wird oder eine anonyme Stätte? Nicht erst im Angesicht des Todes sollte sich jeder Mensch fragen, was will ich und was brauchen meine Angehörigen? Das Geschenk des Lebens beinhaltet immer auch Fragen um den Tod. Je länger wir damit warten, desto mehr hat uns eine irrationale Angst im Griff, die manipulierbar macht.
Mitten im Leben vom Tod umfangen

Können wir lernen, den Tod als Freund zu betrachten, der uns - wenn es optimal läuft - nach einem erfüllten, ausgeschöpften Leben abholt? Dazu müssten wir wagen, ganz zu leben. Mit allen Höhen und Tiefen. Nicht allen gelingt das. Die Entscheidung, durch Suizid zu sterben, kann eine Entscheidung gegen ein ausgeschöpftes Leben sein, die von Angehörigen schweren Herzens akzeptiert werden muss. Unglücke, Unfälle, Katastrophen, all dies gehört zum Leben und zwingt genauer hinzuschauen und hinzuhören.
Lebe dein Sterben

Die Argumente für oder gegen eine Organspende muss jeder Mensch für sich selbst nach bestem Wissen und Gewissen abwägen, wenn er die ganze Wahrheit darüber kennt. Wann wir sterben, darauf haben wir bekanntlich keinen Einfluss. Wie wir während des Sterbens behandelt werden wollen, schon eher. Wenn wir begreifen könnten, den Akt des Sterbens wie den Akt der Geburt, als etwas Würdevolles anzusehen, sind wir einen wichtigen Schritt weiter gekommen und können uns für ein Leben entscheiden, dass Sterben nicht länger ausklammert.
Mutige Worte

Der 1912 geborene Studs Terkel hat in seinem Buch "Gespräche um Leben und Tod, das er im hohen Alter zu schreiben begann, während seine Frau in dieser Zeit verstarb, ermutigende Ansichten vorgestellt. Das Buch handelt vom Tod, doch nur in dem Sinne, dass man vorher das lange Vorspiel dazu, das Leben gelebt hat. Leben wir es also in vollen Zügen. Fehler und Irrtümer inbegriffen. Bis zum letzten Atemzug, wenn nicht nur die Hirnströme, sondern auch die Herzschläge erloschen sind.

 

Autorin/Autor

 

Brigitte Hieronimus
Publikationsdatum 30.12.2003
Verein ostschweizerinnen.ch · c/o Nelly Grubenmann · Tellen | Postfach 30· 9030 Abtwil · kontakt@ostschweizerinnen.ch