Politik und Gesellschaft

Den Mutigen gehört die Zukunft

Jede Nation hat ihre Gründungsmythen. In Frankreich wird Jeanne d'Arc, im Tirol Andeas Hofer als Held verehrt. Wir SchweizerInnen sind stolz auf Wilhelm Tell.
Tell ist zum Symbol unserer Nation, einer grossen Solidargemeinschaft, geworden. Für mich hat Tell - egal ob er existiert hat oder nicht - Grosses geleistet. Es ging nicht in erster Linie um Geld oder Wohlstand. es ging um Ehre, die Freiheit und die Solidarität mit Gleichgesinnten. Wenn wir dies wieder vermehrt leben, wird Tell immer wieder lebendig werden. Die Formel "Freiheit und Solidarität" haben wir über Jahre zielstrebig umgesetzt und so das "Erfolgsmodell Schweiz" geschaffen. Die alten Eidgenossen hatten Mut zum Neuen bewiesen. Diese couragierte Bereitschaft aus den oftmals bequemen Wohlstandspositionen herauszukommen, wünsche ich mir auch von den modernen EidgenossInnen von heute. Wenn wir denselben Mut wieder aufbringen, werden wir unsere politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft in Freiheit und Unabhängigkeit auch weiterhin sichern können. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es der Schweiz von heute ein wenig ergeht, wie vielen unserer Träume aus der Kindheit. Sie hat im Laufe der Geschichte ihre Ziele und Visionen aus den Augen verloren. Wohin wollen wir, was ist unser Ziel, wo liegen unsere Stärken, unsere Vorstellungen für die Schweiz der Zukunft?
Märkte öffnen

Alle Veränderungen in der Welt schlagen sehr schnell auf die Schweiz durch. Sollten wir uns da nicht auch bewegen, statt uns ins Rduit, auf den Beobachterposten zurückzuziehen? Ich höre häufig nur von Gefahren und Risiken, welche der globale Wandel für die Schweiz mit sich bringe. Wo bleiben da Aufbruchstimmung, Selbstbewusstsein und Kampfgeist? Es ist wichtig, dass die Schweiz ihre Güter-, Dienstleistungs-, Arbeits- und Kapitalmärkte gegenüber dem Ausland öffnet. Wir tun dies mit den Bilateralen Verträgen mit der EU. Für unser Land sind diese Verträge mit unseren Nachbarn eine Notwendigkeit. über ein Drittel unserer Exporte gehen in europäische Länder. Der EU-Wirtschaftsraum ist unser wichtigster Handelspartner. Aber wir müssen auch offen sein für die neuen Märkte im asiatisch-pazifischen Raum. Schon heute können sich gegen 25 Millionen Chinesen Europareisen leisten. Morgen werden es 100 Millionen sein. Allein schon die Volksrepublik China ist also ein riesiger Wachstums- und Absatzmarkt für die Tourismus- und Exportindustrie. Diese Chance müssen wir packen.
Herausforderungen annehmen

"Swiss Made" hat weltweit noch immer einen guten Klang. Wir stehen betreffend Produktivität nach wie vor auf Rang 6 der Weltordnung. An der Berufsweltmeisterschaft haben unsere Jungen soeben den Spitzenplatz verteidigt. Wir müssen unsere Chancen erkennen und die Herausforderungen mit Mut und Zuversicht annehmen. Gerade in der Bildungspolitik sind neue Wege nötig. Wenn bei uns über Bildung gesprochen wird, hört man seit den PISA-Tests immer nur eines: unsere Kinder müssen wieder mehr lernen. Könnte es aber nicht sein, dass unsere Kinder nicht zuwenig, sondern das Falsche lernen? Kommt es im Zeitalter der digitalen Information nicht immer mehr auf soziale Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein, Erziehung zu selbständigem Denken, das Erkennen von Zusammenhängen, das Verstehen der digitalisierten und globalisierten Welt an? Es mag ja schön sein, wenn wir den Zauberlehrling rezitieren können. Aber sollten wir unserem Nachwuchs nicht auch beibringen, wie er sich später im Berufs- und Privatleben zurechtfindet? Die Wissenschaft soll uns auch nicht nur erklären, wie ein Motor oder ein Reaktor technisch funktioniert. Wissenschaft verständlich machen heisst darzulegen, welche Probleme von Bedeutung sind, wie sie zu gewichten, zu rechtfertigen sind, wo die Risiken liegen. Wir brauchen Universitäten, welche auf die dringendsten Fragen der Gegenwart Antworten suchen, auf den globalen Wandel, auf die Probleme der Armut, ökologische Katastrophen und tödliche Massenepidemien und auf das Altern der europäischen Zivilgesellschaft. Denn um erfolgreich zu sein, müssen wir auch die Risiken und Gefahren kennen. Und wir müssen lernen, damit umzugehen und Lösungen anzubieten.
Chancen erkennen

Unser Land hat gute Chancen für eine erfolgreiche Zukunft. Ich bin davon überzeugt. Wir müssen uns dafür jedoch bewegen und dürfen nicht verharren und ängstlich den Herausforderungen ausweichen. Unsere Schweiz ist nach wie vor eine Erfolgsgeschichte. Das Vertrauen zu sich und zu anderen ist im privaten und öffentlichen Leben ein sicherer Garant, dass man das Leben mit all seinen Herausforderungen und Aufgaben meistern kann. Ich vertraue daher auch auf  SIE, dass Sie bereit sind, an unserem Staat Schweiz weiter mitzubauen und mitzuwirken, dass Sie sich mutig engagieren und es Ihnen nicht gleichgültig ist, was geschieht. Dass Sie sich wehren und sich einsetzen, wenn etwas nicht richtig läuft. Das Sie sich einmischen und Ihre Meinung kundtun. Meine Vorstellung von der Schweiz geht aus von Menschen, die Ja sagen zu unserem Staat, die unserem System vertrauen. Dies aber nicht einfach blindlings und schon gar nicht kritiklos. Von Menschen, die offen sind für die wichtigen Beziehungen zu unseren Nachbarn und bereit sind, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben. Die bereit sind, die Chancen zu erkennen und sich nicht hinter den Risiken verstecken. Die bereit sind, Vorteile und Nachteile offen und ehrlich abzuwägen und sich nicht von Schreckensszenarien einschüchtern lassen. Denn nur im offenen Dialog und mit konstruktiver Kritik können wir Fehler, Ungerechtigkeiten und Mängel beheben. Dann wird die Willens- und Erfolgsnation Schweiz noch lange eine Marke sein. Diese Schweiz wird sich weiter selbstbewusst , mutig und gerecht zeigen, aber auch humanitär und solidarisch verpflichtet.


Ich wünsche Ihnen einen fröhlichen, feierlichen, unvergesslichen und schönen 1. August 2005. Feiern wir mit Freude, Mut und Zuversicht. Wir haben doch Grund dazu!

 

Autorin/Autor

 

Brigitte Häberli-Koller
Publikationsdatum 30.07.2005
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