Vernetzung

10 Jahre St.GallerFrauen Netzwerke

Die St.GallerFrauen Netzwerke haben ihren Ursprung in einem ersten Netz-Jahrestreff in der BALance am 10. Februar 1995. Dieser führte zum ersten öffentlichen Auftritt von zwölf Frauenorganisation an der zweiten Ostschweizer Bildungsausstellung OBA im August 1995. Ein Rückblick von Erika Bigler und Jolanda Spirig, vorgetragen an der 8. FrauenVernetzungsWerkstatt in St. Gallen.
Jolanda Spirig: Ich erinnere mich noch lebhaft an den OBA-Stand 1995. Erika Bigler hat mit ihren Programmen gewinkt, Leute angesprochen wie eine Marktfrau und Frauen an den Stand gelockt. Und ich stand da wie bestellt und nicht abgeholt'. Was sollte ich an diesem Stand als Vertreterin der Werkstatt Frauensprache? Wir setzten uns für eine geschlechtergerechte Sprache ein, protestierten gegen frauenfeindliche Werbung und kritisierten die Lehrmittel. Haben Sie gewusst, dass Sie alle, auch die ganz jungen Frauen, mit Lesebüchern aufgewachsen sind, in denen Frauen eine miserable Rolle spielen? In denen eher eine Kuh oder ein Ross die Hauptrolle inne haben als eine Frau oder ein Mädchen? Erika: Wie kamen wir eigentlich zu diesem Stand?


Erika Bigler: Mein Frauen-Unternehmen für Frauen, BALance netz St. Gallen, war damals vor zehn Jahren in der Aufbauphase, ich fühlte mich oft als Einzelkämpferin und in der täglichen Beratungs- und Kursarbeit einsam. Ich hatte das echte Bedürfnis nach Austausch, Zusammenarbeit und vor allem mehr und breiterer Wirksamkeit in der Frauenarbeit. Anfangs 1995 lud ich zum ersten Netz-Jahrestreff an die Multergasse ein. Thema war die berufliche, persönliche und politische Frauenförderung. Unser Ziel: Wir koordinieren und planen St. Galler Frauenförderung. Die Einladung ging an acht Organisationen: Gleichstellungsbüro, Frauenzentrale, Forum Frau und Management, iff-Forum, Wyborada, Verein Frau und Beruf, Club "Frau und Bildung am KV, Forum kaufmännischer Berufsfrauen. Die Idee der Koordination und Zusammenarbeit kam gut an. Wir trafen uns regelmässig zu Sitzungen, neue Organisationen kamen dazu, wir gaben unserem Kind den Namen "St.GallerFrauenNetzwerke und beschlossen innerhalb von wenigen Monaten, an der OBA Ostschweizer Bildungsausstellung 1995 erstmals öffentlich aufzutreten, mit einem Stand und verschiedenen Präsentationen zu Frauenthemen inkl. Kultur am Abend mit dem Liederweib Dorothea Walter. Zwölf Organisationen waren damals dabei. Verena Keller, die damalige Leiterin des Gleichstellungsbüros St. Gallen übernahm die Koordinationsarbeiten, kümmerte sich um die Gestaltung des Standes und holte beim Lotteriefonds das Geld für den Auftritt. Verena Keller, ist heute leider nicht da. Sie hat sich bei der Gründung der St.Galler FrauenNetzwerke sehr stark engagiert. Das Gleichstellungsbüro war damals in der Frauenzentrale angesiedelt. Es hat vor allem aufs Vernetzen gesetzt, aufs Verbinden und Verbünden von links bis bürgerlich. Die Frauen waren im Aufbruch damals, und das 'Gleichstellungsbüro war eine Art Drehscheibe für die zahlreichen Frauenforen, die sich nach dem Frauenstreik gebildet hatten. Diese Frauenforen gehören inzwischen auch zu den St.GallerFrauenNetzwerken.


Jolanda Spirig:Du bist eine grosse Motivatorin, stiftest ständig Frauen an, damit sie etwas tun. Auch uns hast du damals angestiftet. Du hast mir die OBA-Zeitung zugesteckt und gesagt, die sei sexistisch, die Werkstatt Frauensprache müsse etwas unternehmen. Das fanden wir auch. Wir haben die Zeitung umgeschrieben, die Geschlechter vertauscht, damit der Sexismus offensichtlich wurde und protestiert. Der Lehrer, der die Zeitung mit seiner Klasse geschrieben hatte, war ganz zerknirscht. Er thematisierte den Sexismus mit seiner Klasse und gelobte Besserung. Damals wollte man noch frauenfreundlich sein und politisch korrekt. Heute legt man weniger Wert darauf. Man macht frauenfeindliche Werbung und freut sich, wenn die Frauen protestieren und dadurch mehr Aufmerksamkeit für die Kampagne generieren. In den Zeitschriften sind plötzlich die Männer die Opfer. Die armen Männer werden von ihren Frauen geschlagen. Die Buben werden in der Schule benachteiligt, weil die emanzipierten Lehrerinnen auch die Mädchen fördern und nicht nur die Buben. Männer können keine Karriere mehr machen, weil sie im Haushalt helfen müssen. Schuld sind die starken Frauen. Dafür finden sie dann keinen Mann mehr. Selber schuld, heisst es in den Zeitschriften, die Schweizer Frauen stellten halt zu hohe Ansprüche. Der Backlash ist offensichtlich. Gibt es eine Gegenstrategie, Erika?


Erika Bigler: Beharrlich weitermachen. Wir Frauen stärken das Starke in uns und anderen Frauen. Wir verfolgen unsere Ziele aus einer Position der Stärke. Wir bauen das Networking und Mentorin aus, vernetzen uns, und es stossen immer mehr Frauen dazu. Rückschläge sind normal. Vielleicht braucht es die, damit die jungen Frauen merken, dass uns die Männer nichts schenken. Wir müssen die Machtfrage stellen - und das tun wir heute.


Jolanda Spirig: 1995 waren wir zwölf Organisationen. Inzwischen sind wir 67 Organisation. Wir treffen uns heute zum achten Mal zur FrauenVernetzungsWerkstatt. Und du treibst uns weiterhin an. Eine Erfolgsgeschichte. Geniesst du den Erfolg?


Erika Bigler: Ich geniesse es, wenn das Programm steht und schön gestaltet aus dem Druck kommt. Wenn ein guter Zeitungsartikel erscheint. Wenn die Muba anruft und für den Tag der Frau 1000 Exemplare anfordert. Wenn Frauen aus der ganzen Schweiz sich für unsere Riesenkiste interessieren. Wenn die Frauen kommen und der Audimax sich langsam füllt. Die grösste Genugtuung ist es, wenn sich wieder ein neues Team findet, das bereit ist, die nächste FVW zu planen und zu gestalten.


Jolanda Spirig:Wie hat sich eigentlich dein BALance-netz verändert seit 1995?


Erika Bigler: Seither habe ich noch einen Zacken zugelegt. BALance netz und seine Kursleiterinnen sind spezialisiert auf die Persönlichkeits- und Laufbahnentwicklung von Frauen. Seit sechs Jahren haben wir eigene Seminarräume an der Neugasse im Zentrum. Die Zielgruppe hat sich erweitert. Wir zählen Wiedereinsteigerinnen bis zu den Kaderfrauen zu unseren Kundinnnen. Die Arbeitslosigkeit hat in dieser Zeit zugenommen. Wir arbeiten seit neun Jahren mit dem kantonalen Amt für Arbeit zusammen und beraten, coachen und schulen erwerbslose Frauen. Ganz neu kommen die stellenlosen Lehrabgängerinnen hinzu. Wir starten im April ein Pilotprojekt mit Mentoring und Networking. Darauf bin ich sehr stolz. Für mich ist es wichtig, Erfahrungswissen an jüngere Frauen weiter zu geben. Hinzu gekommen ist selbstverständlich das ganze Networking. Ich fühle mich nicht mehr als Einzelkämpferin, sondern bin gut vernetzt. Das stärkt, beflügelt, macht Spass und inspiriert. BALance netz St. Gallen ist zum Frauenort in der City geworden. Sitzungen, Treffs, Kurse der drei Netzwerke NEFU, St.GallerFrauenNetzwerke und ostschweizerinnen.ch finden in den Räumen an der Neugasse 43 statt.


Jolanda Spirig:Die Werkstatt Frauensprache gibt es nicht mehr. Unsere Akten sind im Ostschweizer Archiv für Frauen- und Geschlechtergeschichte gelandet. Das Forum Frau und Management von der Universität St. Gallen gibt es auch nicht mehr. Dafür ist vor kurzem als 67. Organisation Netz Plus, Mentoring und Coaching für Graduierte an der Uni St. Gallen beigetreten. Die Vertreterinnen der anderen Gründungsorganisationen sind heute hier.


Erika Bigler: Felice Baumgartner ist die heutige Leiterin der Fachstelle für Gleichberechtigungsfragen. Die Fachstelle für Gleichstellung ist heute nicht mehr bei der Frauenzentrale angesiedelt, sondern ist Teil der Staatsverwaltung. Dort setzen sie verwaltungsinterne Projekte um und haben gegen aussen ein anderes Gewicht. Sie organisieren zum Beispiel den Tochtertag, sind an der Hochzeitsmesse präsent oder tagen mit Bauern und Bäuerinnen auf den Säntis. Zurzeit geht es um "Chancengleichheit für den Mann" Keine Angst. Es geht nicht darum, dass sie neuerdings die Männer fördern, es geht um neue Arbeitszeitmodelle, die beiden Geschlechtern nützen.Weil sie in der Kantonsverwaltung integriert sind, können sie sich nicht mehr so spontan zu politischen Ereignissen äussern. So richtig freche Kampagnen liegen heute nicht mehr drin.


Jolanda Spirig: Sonja Hardmeier, Geschäftsführerin der Frauenzentrale des Kantons St. Gallen. Vernetzung ist für die Frauenzentrale als Dachorganisation schon immer ein zentrales Thema gewesen. In den letzten Jahren haben sie die Parteifrauen vernetzt. Sie haben das Kantonsrätinnentreffen und das Stadt- und Gemeinderätinnen-Treffen ins Leben gerufen. Mit der Stiftung "St. Galler Wirtschaft innovativ und familienfreundlich haben sie auch Fäden zur Wirtschaft gesponnen.


Erika Bigler: Annina Fuchs vom Forum kaufmännischer Berufsfrauen FOKA. Sie hat auch bei der Organisation der FrauenVernetzunsWekstatt mitgearbeitet und dieses Jahr wieder das Tagungsbüro geführt. Die FOKA ist 31 Jahre alt. Ihr Zielpublikum sind kaufmännische Angestellte und heute vermehrt auch selbständige Kauffrauen. In ihren monatlichen Abendforen gehen sie auf deren Bedürfnisse ein. Die kaufmännischen Berufsfrauen betreiben Networking und widmen sich psychologischen und berufsbezogenen Themen.


Jolanda Spirig: Brigitte Grob von den Feministischen Juristinnen: Sie haben sich damals sehr stark fürs Gleichstellungsgesetz engagiert und das frühere Gleichstellungsbüro bei juristischen Fragen unterstützt. Sie haben auch massgeblich bei der 1. FrauenVernetzungsWerkstatt mitgewirkt, vor allem Myrjam Cabernard, Gabi Hauser und Lisa Etter. Die Feministischen Juristinnen treffen sich noch immer einmal im Monat und kümmern sich hauptsächlich um ihre eigene Weiterbildung.


Erika Bigler: Marijana Luso, die Vizepräsidentin des Forums engagierter Studentinnen, Network for female students, fest. fest organisiert jeden Monat einen Anlass zum Kontaktaustausch zwischen den Studentinnen der verschiedenen Studienjahre und den Absolventinnen des Studienbereichs Wirtschaft innerhalb der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Soziale Arbeit St.Gallen FHS. Früher waren sie stärker feministisch orientiert, heute sind einzelne Anlässe auch für Männer zugänglich.


Jolanda Spirig: Brigitte Spörri Weilbach vom Institut für feministisch reflektierte Psychologie und Pädagogik. Das iff-forum ist in den Achtzigerjahren von Elisabeth Camenzind gegründet worden. Es organisierte Kurse und Tagungen für Pädagoginnen und Psychotherapeutinnen, gab Bücher heraus und bot eine Ausbildung für feministische Psychotherapie FRP an. Das iff-forum wäre mehrmals fast beerdigt worden, aber es haben sich immer wieder Vorstandsfrauen gefunden, die den Verein mit neuem Schwung weiterführten. Heute ist er im Bildungshaus Lindenbühl in Trogen domiziliert. Das iff-forum ist vor allem in der Vernetzungsarbeit tätig und organisiert jährlich eine Tagung im Lindenbühl.


Erika Bigler: Rosmarie Nagel vom Schweizerischen Roten Kreuz. Das SRK befasst sich mit der frauengerechten Schulung und Weiterbildungen mit Schwerpunkt Pflege und Selbstpflege. Sie haben ihr Angebot in den letzten Jahren ausgebaut und professionalisiert.


Jolanda Spirig: Elisabeth Zollinger ist heute nicht dabei. Sie hat sich sehr für die St.GallerFrauenNetzwerke eingesetzt und für den Verein Frau und Beruf mitgearbeitet. Dafür ist Andrea Weibel von der Berufs- und Laufbahnberatung St. Gallen hier. Das ist die Nachfolgeorganisation des Vereins Frau und Beruf, der Ende 2004 aufgelöst worden ist. Während 25 Jahren hat der Verein Informationen, Beratungen und Seminare für Frauen angeboten zum Thema Berufstätigkeit, Laufbahn und Wiedereinstieg.


Erika Bigler: Gabi Beeler, Bibliothekarin der Frauenbibliothek Wyborada. Vor zehn Jahren zügelte die Wyborada von der Harfenbergstrasse ins alte Lagerhaus. Die Organisation hat sich verändert. Vor zehn Jahren arbeiteten viele freiwillige Frauen mit. Vor zwei Jahren hat frau eine bezahlte Teilzeitstelle eingerichtet. Die Wybo hat jeden Nachmittag geöffnet, ausser am Dienstag. Sie hat 8000 Bücher am Lager. Das sind ungefähr so viele Bücher wie eine Gemeindebibliothek aufweist. Aber natürlich ausschliesslich Frauenbücher!


Jolanda Spirig: Sie sehen, die St.GallerFrauenNetzwerke haben ganz klein angefangen. Heute sind wir ein grosses Gebilde und organisieren mit der FrauenVernetzungsWerkstatt eine Riesenkiste. Das geht aber nicht ohne Sie als Kongressteilnehmerinnen. Sie nehmen sich einen Tag frei, zahlen den Eintritt und erlauben uns so, in einem tollen Ambiente zu tagen und hochkarätige Referentinnen zu engagieren. Herzlichen Dank!

Erika Bigler: Und in zwei Jahren, 2007, feiern wir die 10. FrauenVernetzungsWerkstatt. Da gibt es wieder eine spannende Erfolgsgeschichte zu erzählen. Ich freue mich jetzt schon darauf.

 

Autorin/Autor

 

Jolanda Spirig und Erika Bigler
Publikationsdatum 30.03.2005
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