Yiieeehhaaa: Das Elsie lebt!

29:12:2014

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Autorin Silvia Tschui
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Silvia Tschui wurde 1974 in Zürich geboren. Sie studierte Germanistik, absolvierte die Fachklasse Visuelle Gestaltung an der ZHdK und erwarb 2000 das Lehrdiplom Oberstufe. 2003 machte sie ihren Bachelor in Grafikdesign und Animation an Central St. Martins College in London und arbeitete vier Jahre als Animationsfilm-Regisseurin bei RSA Films in London. 2004 wurde ihre Arbeit mit dem British Animation Award ausgezeichnet. Zurück in der Schweiz, arbeitete sie als Grafikerin, Journalistin und Redaktorin und schloss 2011 ihr Studium am Institut für literarisches Schreiben mit dem Bachelor ab. Zurzeit arbeitet sie als Redaktorin in Zürich bei Ringier. "Jakobs Ross" ist ihr erster Roman.

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Silvia Tschui hat ihren Erstlingsroman „Jakobs Ross“ von der ersten bis zur letzten Zeile konsequent durchkomponiert. In rasend schnellem Tempo und mit gut gezimmertem Wortschatz erzählt Tschui in einer faszinierenden Kunstsprache einen Plot, der nicht nur einmal die Autorin selbst in den Strudel der Ereignisse hinein zu ziehen droht.

 

Eva Grundl

 

Im Grunde verfolgen sie beide dasselbe Ziel: Elsie, als Magd vom Fabrikdirektor geschwängert,  von demselben flugs mit dem Rossknecht verheiratet und mit einer armseligen Pacht versehen, will genau wie ihr Ehemann Jakob die eigene Lebenssituation verbessern. Ein eigenes Ross ist für Jakob das Ziel, um seinen Status zuverbessern, endlich zu Ansehen und Geld zu gelangen. Auch ihm ist dafür beinahe jedes Mittel recht und bisweilen Elsie sein bestes Humankapital. Elsie wiederum, in ihren jungen Jahren von der Tochter des Fabrikdirektors in ihrem Talent gefördert und unterstützt, träumt von einer Karriere als Musikerin, mit Auftritten in schönen Kleidern vorzugsweise in Florenz.  

Gerade ihre Figur ist es, die Silvia Tschui mit beinah übermenschlichen Lebenskräften und einem nicht minder starken Lebenswillen ausgestattet hat; ihr mutet die Autorin Missbrauch, Torturen, Misshandlung, Krankheit, Verachtung und bitterste Armut zu. Und ja, auch das Elsie ist nicht zimperlich in der Wahl ihrer Mittel, dafür jedoch nicht weniger klug und gerissen. So sorgt das zwischen die Beine geschobene Kräutersäcklein zwar regelmäßig für ein paar saftige Ohrfeigen von Jakob, wenn sich doch wieder Elsies Menstruation einstellt, aber nicht nur das nimmt sie in Kauf.  

Zeitlich angesiedelt in der ländlichen Schweiz des 19. Jahrhunderts, versehen mit einem riesigen Inventar an Landschaftsschilderungen, magischen Elementen, Dämonen, an Konfrontationen und dem Aufeinanderprallen verschiedener Lebenswelten und Grausamkeiten, schürt die 1974 in Zürich geborene Autorin mit ihrer fulminanten literarischen Ouvertüre mehr als berechtigte Hoffnungen auf weitere Arbeiten.  

Es ist nicht nur ein Glück, dass Tschui erzählt, sondern auch die Art und Weise wie sie das tut. So haftet, um nur ein Beispiel zu nennen, den vielen aufgeführten grünen Hügeln, den bunten Blümchen, Seen und Wäldern nicht etwa ein Hauch von lebendiger Natur oder gar Beschaulichkeit an, vielmehr erscheinen sie letztlich regungslos und bedrohlich. An ruhiger, sicherer Hand führt die Erzählerin durch ihren mit Mord und Totschlag gespickten Roman, um eben doch das eine und andere Mal ihren eigenen rasanten Plot beinah zu implodieren. Über alledem jedoch wacht beständig und zuverlässig von der ersten bis zur letzten Zeile in Gestalt der Kunstsprache, welche Tschui gewählt hat, jenes Elsie, das seinen Lebenstraum verwirklicht. Auch deswegen ist die Lektüre von „Jakobs Ross“ ein literarisches Abenteuer, auf das man keinesfalls verzichten sollte.       


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