Der umstrittene Boom der Babyfenster

27:01:2014

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Das Spital Einsiedeln hat ein Babyfenster.
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Bundesrätin Simonetta Sommaruga: Es gibt Bedarf wie auch ungelöste Fragen mit den Babyfenstern.

Mehr Infos:

www.babyfenster.ch

Babyfenster bereiten zahlreiche Probleme ethischer, menschlicher und rechtlicher Natur. Und sie bewegen sich in einer rechtlichen Grauzone, weil gegen die Meldepflicht verstossen wird. Trotzdem entstehen in der Schweiz immer mehr Babyfenster oder Babyklappen.

 

Sonia Fenazzi, swissinfo.ch

 

Bis Juni 2012 war eine solche Einrichtung auf Einsiedeln beschränkt. Am dortigen Spital war das Babyfenster im Mai 2001 eröffnet worden. Die Initiative war von der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) ergriffen worden, einer Stiftung, welche gegen Abtreibung kämpft sowie Frauen, Paare und Familien berät, die durch Schwangerschaft oder Geburt eines Kindes in Not geraten.

In den letzten eineinhalb Jahren wurden drei weitere Babyfenster eröffnet: in Davos, Olten und Bern. Drei weitere sind im Tessin, im Wallis und in Zürich geplant. In weiteren Kantonen sind entsprechende Initiativen hängig.

"Diese Entwicklung zeigt, dass eine klare Nachfrage nach diesen Einrichtungen besteht", erklärte Bundesrätin und Justizministerin Simonetta Sommaruga im Dezember in ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Ständerätin Liliane Maury Pasquier. "Aber es ist auch klar, dass es weiterhin viele ungelöste Probleme mit den Babyfenstern gibt", präzisierte die Sozialdemokratin Sommaruga.

 

Emotionen im Spiel

"Wenn es darum geht, Neugeborene zu retten, ist sehr viel Emotionalität und keine Rationalität im Spiel. Auf dieser emotionalen Grundlage werden diese Strukturen geschaffen", sagte Liliane Maury Pasquier.

In der Schweiz sind Findelkinder ausgesetzte Neugeborene eine Seltenheit, doch jeder einzelne Fall erschüttert die Öffentlichkeit. Nach einigen dieser seltenen Vorfälle wurde der Ruf nach einem Babyfenster laut. Eine Reihe von Politikern und Ärzten wandte sich mit dem entsprechenden Begehren an die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK), wie Präsident Dominik Müggler bestätigt.

So kommt es nun auch zum ersten Babyfenster der lateinischen Schweiz. Ab Ende März 2014 wird eine Babyklappe am Regionalspital San Giovanni in Bellinzona zur Verfügung stehen. "Der Entscheid wurde sehr gut abgewogen", sagt Spitaldirektor Sandro Foiada.

Man habe diesen Schritt sehr rational getan, nachdem es Treffen mit Dominik Müggler und den Verantwortlichen bereits existierender Babyfenster gegeben habe. Zudem habe man mit den Behörden und Politikern vor Ort gesprochen, präzisiert Foiada.

 

Mütter sich selbst überlassen

Sandro Foiada ist sich sehr bewusst, dass mit einem Babyfenster viele Probleme ungelöst bleiben, aber er ist der Auffassung, "dass man pragmatisch sein muss und vor bestimmten Realitäten nicht die Augen schliessen kann." Leider existiere das Problem ausgesetzter Neugeborener. "Wenn ein Babyfenster hilft, auch nur eines dieser Kinder zu retten, hat es sich schon gelohnt", so Foiada.

Ganz anderer Ansicht ist die Organisation Sexuelle Gesundheit Schweiz, die im Bereich der Familienplanung und Sexualerziehung tätig ist. Im vergangenen Juli hat sie an alle Direktoren der kantonalen Gesundheitsdepartemente und an kantonale Politiker einen Brief geschrieben, in dem dazu aufgerufen wird, "in kritischer Weise die Ausweitung dieses Angebots zu hinterfragen".

"Es ist von grundlegender Wichtigkeit, dass Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt Zugang zu einer ganzen Palette von Betreuungsangeboten haben. Es braucht Rahmenbedingungen, in denen die Mütter medizinisch, psychisch und sozial betreut werden. Bei einem Babyfenster fehlen alle diese Aspekte", hält Mirta Zuini, eine unabhängige Rechtsberaterin dieser Organisation, fest.

 

Alternative der vertraulichen Geburt

Diese Aspekte einer ganzheitlichen Betreuung werden hingegen bei der so genannten "vertraulichen oder auch diskreten Geburt" geboten. Die Frau wird während ihrer Schwangerschaft von einem Profi-Team begleitet. Sie kann im Spital gebären, ohne dass Dritte davon erfahren. Die Mutter erhält auch Beratung zu den Rechten und Möglichkeiten einer sofortigen Freigabe des Neugeborenen zur Adoption.

"Das Problem ist, dass die Mehrheit der Bevölkerung gar nicht weiss, dass diese Möglichkeit der vertraulichen Geburt existiert. Daher sieht man darin auch keine Alternative zum Babyfenster", meint Liliane Maury Pasquier, die sich im Parlament dafür stark gemacht hat, dass mehr über diese Möglichkeit informiert wird.

Die SP-Ständerätin aus Genf verlangt in einem Postulat, dass der Bundesrat eine vollständige Erhebung zu Babyfenstern und anderen Massnahmen zur Hilfe von in Not geratenen Müttern erstellt. Gemeinsam mit den Kantonen und interessierten Organisationen sollen dann allenfalls Massnahmen eingeleitet werden. "Ich hoffe, dass es dieses Vorgehen ermöglicht, die Bevölkerung besser über die Möglichkeit einer vertraulichen Geburt aufzuklären."

 

Anonyme Geburt in weiter Ferne

Die vertrauliche Geburt stösst in interessierten Kreisen auf grosse Gegenliebe. "Wir sind auch der Meinung, dass die Informationen über die vertrauliche Geburt intensiviert werden müssen", sagt Anita Cotting, Direktorin von Sexuelle Gesundheit Schweiz. Ganz ähnlich tönt es bei Dominik Müggler: "Wir haben immer klar gesagt, dass wir alle Möglichkeiten unterstützen, welche eine Geburt vereinfachen. Wir begrüssen sowohl die vertrauliche Geburt als auch die anonyme Geburt", betont der SHMK-Präsident.

Was ist der Unterschied? Bei der vertraulichen Geburt wird die Identität der Mutter an die Behörden weiter geleitet und ein Kind hat das Recht, diese Identität zu erfahren. Bei der anonymen Geburt ist dies nicht so. Es wird daher von Personen bekämpft, die für das Recht von Kindern einstehen, ihre biologische Abstammung zu kennen.

In der Antwort auf die Interpellation von Maury Pasquier hat die Schweizer Regierung explizit erwähnt, dass zu prüfen wäre, "ob künftig nicht auch eine Möglichkeit zur anonymen Geburt geschaffen werden könnte." Die Organisation Sexuelle Gesundheit Schweiz würde diese Option befürworten, wenn die schwangere Frau gleichzeitig medizinisch und psychisch-sozial betreut würde, präzisiert Anita Cotting.

Auf alle Fälle müssten für die Möglichkeit einer anonymen Geburt noch die notwendigen rechtlichen Grundlagen geschaffen werden, wie Bundesrätin Simonetta Sommaruga im Parlament erklärte. Ein entsprechendes Gesetz ist in naher Zukunft aber nicht zu erwarten.

 

(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)


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