Initiative ergreifen und bewegen

09:04:2014

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Erika Bigler in Bewegung im Publikum anlässlich der FrauenVernetzungsWerkstatt 2014 (Bild: Sam Thomas)
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Das Leben ist ein ständiger Wechsel – und das ist auch gut so, denn es muss fliessen, sich erneuern, verändern… Erika Bigler, die seit einiger Zeit als Redaktionsleiterin des Magazins ostschweizerinnen.ch amtet, gibt an der Hauptversammlung vom 26. Juni 2014 ihr Amt als Vereinspräsidentin ab. Im Interview erzählt sie, warum sie sich für diesen Schritt entschlossen hat, was eine Nachfolgerin mitbringen sollte und wie diese eingeführt und in ihrer Arbeit unterstützt wird und was sich die unermüdliche Schafferin  für die Zukunft der Vernetzungsplattform  wünscht.

„Weil jeder Mensch aufgrund des Geborenseins ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen.“ Dieses Zitat von Hannah Arendt ist eine Art Leitgedanke von Erika Bigler. Die nun scheidende Präsidentin von ostschweizerinnen.ch hat eine neue Aufgabe als Redaktionsleiterin des Magazins angetreten. Nun wird eine Nachfolgerin im Präsidium des Vereinsvorstandes gesucht. Im Interview verrät uns die Netzwerkerin, was ihr ostschweizerinnen.ch bedeutet und wie sie die Zukunft des Frauennetzwerkes sieht.

 

Cornelia Forrer

 

Was genau ist ostschweizerinnen.ch und was will die Plattform?

ostschweizerinnen.ch ist eine einzigartige Online-Plattform, wo sich Kompetenz, Wissen, Erfahrung und Ideen treffen: Was Frauen denken, machen und bewirken – was Frauen bewegt. Ein spannendes Magazin für frauenrelevante und gesellschaftspolitische Themen und eine vielfältige Vernetzungsplattform. Wir fokussieren dabei auf die Vielfalt von Lebensrealitäten des weiblichen Geschlechts auf unserer Welt. Frauen werden so auf dem öffentlichen Parkett sichtbar.


Kannst du bitte kurz die Eckpunkte und wichtigsten Infos zur Entstehung zusammenfassen?

ostschweizerinnen.ch ist die jüngere Schwester der 19-jährigen, losen Verbindung der  St.GallerFrauenNetzwerke (80 Organisationen) und der 16-jährigen FrauenVernetzungsWerkstatt, die jährlich einmal an der Uni St. Gallen mit zwischen 400-700 Teilnehmerinnen stattfindet. Die Plattform ist im Jahr 2003, also vor 10 Jahren,  aus der Taufe gehoben worden, dank Finanzierung als sg2003-Jubiläumsprojekt. Am 14. Juni 2013, genau auf den Tag, haben wir das 10-jährige Jubiläum lustvoll in der Lokremise St. Gallen gefeiert.

Du warst von Beginn weg Präsidentin und hast vernetzt, aufgebaut, gekämpft… Was bedeutet dir persönlich ostschweizerinnen.ch?

ostschweizerinnen.ch bedeutet mir sehr viel, weil die frauenspezifische Plattform eine Fortsetzung meiner langjährigen Vernetzungsleidenschaft und 365 Tage während 24 Stunden sichtbar und nutzbar ist. Ich trage Verantwortung für die Nachhaltigkeit des sg2003-Projektes. Zudem wird es mir je länger je mehr bewusst, dass Frauen ihren Platz in den Medien und damit auf dem öffentlichen Parkett erkämpfen müssen, weil das weibliche Geschlecht ansonsten in unserer gegenwärtigen Kultur weiterhin in der Bedeutungslosigkeit dahin dümpelt, wie uns dies kürzlich die SRF-Doku "Die Schweizer" schmerzlich vor Augen geführt hat.


Das Aufgebaute loszulassen wird dir sicher nicht leicht fallen. Du wirst ja aber weiterhin als Redaktionsleiterin tätig sein und wechselst damit in eine neue, spannende Aufgabe. Warum tust du das?

Journalismus interessiert mich seit langem. In meiner Familienphase, vor der Gründung von BALance netz St. Gallen vor 25 Jahren, habe ich für Frauenorganisationen und insbesondere für das St. Galler Tagblatt während 5 Jahren als freie Mitarbeiterin geschrieben. Auf dieses Lern- und Praxisfeld im Journalismus und auf meine 25-jährige Arbeit als frauenspezifische Laufbahnberaterin und engagierte Netzwerkerin in verschiedenen Frauenorganisationen kann ich nun zurückgreifen. Der Wechsel vom 13-jährigen Engagement als Präsidentin von ostschweizerinnen.ch in die Redaktionsleitung entspricht meiner persönlichen Zukunftsperspektive. Nochmals etwas Neues anpacken, Neues lernen und in der Öffentlichkeit etwas bewirken und bewegen, spornt mich an. ostschweizerinnen.ch liegt mir sehr am Herzen, und ich werde mit Leib und Seele alles dafür tun, dass wir im Netz mit einzigartigen Themen und Berichten, die Frauenanliegen sichtbar machen, noch besser präsent und vernetzt sind. Im Zuge der Weiterentwicklung der Website wird auch das Online-Magazin mit interessanten Neuerungen aufwarten, die ich mit dem Vorstand und meinem erweiterten Redaktionsteam umsetzen und begleiten werde.

Du gibst dein Mandat als Präsidentin von ostschweizerinnen.ch auf. Erläuterst du kurz deine Beweggründe?

15 Jahre sind genug (1999 – 2014, erste Idee, Projektphase und Verein ab 2003).  Es ist höchste Zeit, dass neue und jüngere Kräfte die Zügel in die Hand nehmen. Ich gebe damit meine Entscheidungsmacht auf strategischer Ebene ab, nehme jedoch weiterhin an den Vereinsvorstandssitzungen mit beratender Stimme teil und kann so sehr wohl Einfluss nehmen mit meinen Argumentationen und meiner Frontarbeit. Ich bin also nicht weg vom Fenster dank dem Wechsel in die operative Redaktionsleitung, im Gegenteil, ich stehe mitten drin.  

Was wünschst du dir als scheidende Präsidentin für die Zukunft von ostschweizerinnen.ch?

Wir haben im 2013 die strategische Weiterentwicklung an die Hand genommen, eine Studie liegt vor, die Michelle Kast als Bachelorarbeit an der FHS St. Gallen erarbeitet hat. Wir befassen uns zurzeit mit der kurzfristigen und längerfristigen  Umsetzung und stellen die Weichen, wohin die Reise in den nächsten 10 Jahren geht. Wir setzen bewusst auf ein qualitatives Wachstum. Insbesondere die in der Studie aufgezeigten Megatrends wie "Individualisierung", "Female Shift" und "Konnektivität" geben wichtige Impulse für unsere künftige Ausrichtung und zeigen uns schon jetzt: Wir sind auf dem richigen Weg.

Nun wird ja eine neue Präsidentin gesucht. Was muss sie in ihrem Rucksack unbedingt mitbringen?

Meine Nachfolgerin verfügt über eine gute allgemeine und fachliche Ausbildung, über Zeitressourcen und eine gute Portion Lust auf ehrenamtliche Arbeit mit viel Gestaltungsfreiheit und Selbstbestimmung für die gleichwertige Stellung des weiblichen Geschlechtes in Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft. Eine Haltung für mehr Kooperation statt Konkurrenz ist willkommen. Ihr Interesse -  und wenn möglich - ihre Kompetenz in Frauen- und Geschlechterfragen sind von grosser Bedeutung. Sie ist parteipolitisch unabhängig, damit auch eine Politik der Frauen jenseits der Parteipolitik an Gewicht gewinnt. Frauen im Dialog


Wie sieht deine Wunschkandidatin aus und was bringt diese mit?

Aus meienr Sicht könnte es eine Familienfrau sein, die beruflich zurückstuft, aber gleichzeitig eine Herausfordrung und mit Lernfeld auf dem öffentlichen Parkett sucht. Es könnte auch eine Berufsfrau sein, die in der zweiten Lebenshälfte noch etwas Neues und Selbstbestimmtes machen möchte. Oder es könnte eine junge Frau sein, die jenseits der Erwerbstätigkeit erste Führungserfahrung in einem Nonprofit-Projekt sammeln möchte und gleichzeitig ein gesellschaftspolitisches Engagement in der Zivilgesellschaft übernimmt.
 

Wie wird die neue Präsidentin unterstützt und wie in ihre wichtige Aufgabe eingeführt?

Ein Co-Präsidium ist möglich, so könnte die Arbeit geteilt werden. Zudem ist ein Vorstand da, der mitträgt und Verantwortung übernimmt. Die Präsidentin kann auch Fachfrauen aus ihrem Umfeld motivieren, ins Team zu kommen, weil wir infolge der Weiterentwicklung immer mehr auf ehrenamtlich mitarbeitende Frauen angewiesen sind. 


Werden noch weitere Vorstandsmitglieder  an der Hauptversammlung ihr Amt abgeben oder darf die neue Präsidentin auf ein eingespieltes Team zählen? 

Wir suchen wegen Krankheit und Weiterbildung dringend weitere Vorstandsfrauen für die Ressorts Finanzen und Mitgliederbetreuung. 


Wie viel Zeit muss die neue Präsidentin für  Ihr Amt pro Woche ungefähr aufwenden können?

Schwer zu sagen. Monatlich findet eine Vorstandssitzung statt, die vorbereitet, geleitet werden muss, dann folgt die Nacharbeit. Viele Aufgaben können gut im Home-office erledigt werden. Der Arbeitsstil, das Organisationstalent und das Engagement spielen eine wesentliche Rolle für das Zeitmanagement.


Nenne mir die grössten Herausforderungen, die auf  sie und ihr Vorstandsteam zukommen werden?

Es ist dies die Umsetzung der strategischen Weiterentwicklung, die viel Spielraum und Kreativität zulässt. Die Finanzbeschaffung ist ständiges Thema.


Wie siehst du die Plattform in fünf oder zehn Jahren?

ostschweizerinnen.ch hat ihren Bekanntheitsgrad und das Image erhöht.  Viele Frauen und Organisationen sehen den Nutzen und überhäufen uns mit Medienmitteilungen und Veranstaltungshinweisen. Auch sehe ich die Plattform als Koordinationspool für Veranstaltungen, Medienauftritte und vermehrten Kooperationen unter Frauenorganisationen, damit Synergien und Stosskraft entstehen. Mit uns ist zu rechnen. Frauen sind im Aufbruch und führen weiter, was unsere Ahninnen in die Wege geleitet haben...


Besten Dank für das Interview. Wir freuen uns, dass du weiterhin, wenn auch in neuer Form, mit an Bord bist und uns von deinen Erfahrungen und deinem grossen Wissen und Netzwerk profitieren lässt.


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