Die freien Mosuo-Frauen

12:08:2013

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Mosuo-Frau aus dem Film „Touentou, fille du feu“ von Patrick Profit (2007), ausleihbar im MatriArchiv
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Ganmu, der heilige Berg der Mosuo. Szene aus dem Film „Touentou, fille du feu“ von Patrick Profit (2007), ausleihbar im MatriArchiv.

Die freien Mosuo-Frauen

Filmausschnitte, Fotos, Gespräche mit Uscha Madeisky und Dagmar Margotsdotter-Fricke

Samstag, 24 August, Frauenpavillon im Stadtpark

19 Uhr Türöffnung, Imbiss, Getränke

20 Uhr Beginn der Veranstaltung

Eintritt frei, offen für alle

Organisation: MatriArchiv


MatriArchiv

Mittlerweile 2000 Titel umfasst die Sammlung zur Matriarchatsforschung und zu matriarchalen Völkern, die in den letzten Jahren in der Kantonsbibliothek Vadiana aufgebaut wurde. Die Bücher, Filme und Zeitschriftenartikel sind kostenlos ausleihbar. Mehr Informationen auf der Website www.matriarchiv.info.

Die Filmerin Uscha Madeisky und die Kulturforscherin Dagmar Margotsdotter-Fricke berichten im August im Frauenpavillon von ihren Erlebnissen und Studien bei den Mosuo in China. Die Mosuo sind eine Ethnie im Südwesten der Volksrepublik China, sie leben am Ufer des Lugu-Sees und in den Bergregionen zwischen den Provinzen Yunnan und Sichuan. Ihre Bevölkerungsgröße wird auf rund 40‘000 Angehörige geschätzt. In der Forschungsliteratur ist immer wieder von den Mosuo die Rede, denn sie gelten als eines der wenigen Völker, das noch eine klassisch matriarchale Gesellschaftsform aufweist. Mittlerweile wird dies auch touristisch ausgeschlachtet und vor wenigen Jahren gelangte das Buch von Ricardo Coler: Das Paradies ist weiblich. Eine faszinierende Reise ins Matriarchat in die Bestsellerlisten.

 

Christina Schlatter

 

Besuchsbeziehung

Was fasziniert denn so an den Mosuo? Da ist sicher ihre Form des Zusammenlebens, die nicht auf der westlichen Kleinfamilie beruht, sondern auf traditionellen Clanstrukturen. Die Nachkommen einer Frau bleiben ihr Leben lang im Mutterhaus wohnen. So erfahren die Kinder und Kindeskinder eine stabile, liebevolle Umgebung, auch wenn eine Liebesbeziehung zwischen den Eltern zu Ende geht. Denn die erotische Liebe ist nicht an die soziale Beziehung gekoppelt. Die Bezugspersonen für ein Kind sind die Mutter und deren Geschwister. Die Schwestern übernehmen Betreuungsaufgaben in der Grossfamilie und der Bruder der Mutter, also der Onkel der Kinder gilt als der soziale Vater. Er kümmert sich insbesondere um die männlichen Nachkommen seiner Schwestern. Der biologische Vater hingegen lebt im Clan seiner Mutter und sorgt sich dort um die Kinder seiner Schwestern. Die Beziehung zwischen Vater und Mutter ist eine sogenannte Ahzu-Beziehung und beruht auf der früher weit verbreiteten Besuchsehe. Es ist eine Beziehung, die keinerlei Bestätigung von dritter Seite braucht und auch von jeder der beiden Seiten ohne Umstände jederzeit aufgelöst werden kann. Die Männer besuchen dabei als Geliebte (azhu) die Frauen in der Nacht und kehren am Morgen in den Haushalt ihrer Grossfamilie zurück.



Das mütterliche Prinzip

Dies ist aber nicht alles, was es braucht, um eine Gesellschaft als matriarchal zu definieren. Der Begriff „Matriarchat“ ist sehr umstritten, weil er immer wieder falsch übersetzt wird. Er meint keinesfalls die Umkehrung von Patriarchat und bedeutet gerade nicht die Herrschaft der Frau über den Mann. Im Gegenteil, matriarchale Gesellschaften sind vollkommen egalitär. Sie kennen kein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern und kommen ohne Erzwingungsstäbe wie Militär, Polizei oder Verwaltung aus. Heide Göttner-Abendroth hat in dreissigjähriger Forschungstätigkeit die Strukturen und Definitionen von matriarchalen Gesellschaften herausgearbeitet. „Matri, mater“ bedeutet Mutter und „arché“ heisst Anfang, Ursprung. Diese Bedeutung scheint z.B. noch in den Bezeichnungen Archäologie oder Archetyp auf. Erst später bekam“ arché“ zusätzlich die Bedeutung von Herrschaft. „Am Anfang stehen die Mütter“, diese Übersetzung von Matriarchat trifft den Kern. Die Mutter, das mütterliche Prinzip als der Ursprung allen Lebens und als Ordnungsprinzip, das alle Lebensbereiche durchdringt ist die Essenz matriarchaler Gesellschaften. So strukturiert die Mutterfamilie und die mütterliche Erblinie das Zusammenleben. Die mütterliche Fürsorge bestimmt auch das Grundprinzip der Ökonomie. Diese Zuwendung, die keine Gegengabe im gleichen „Wert“ erwartet, ist überlebenswichtig für das Kind. Daraus entwickelte sich die Schenkwirtschaft. Je mehr jemand zu schenken weiss, desto angesehener ist er oder sie, ganz im Gegenteil zu unserer Ausbeutungs- und Akkumulationswirtschaft.


Weibliche Erblinie

Zu einer matriarchalen Gesellschaft gehört neben der Matrilokalität (Wohnsitz im mütterlichen Clan) auch die Matrilinearität. Das Land und das Haus werden von der Mutter an die Töchter weiter gegeben. Und schliesslich gibt es noch eine dritte wichtige Komponente, um eine Gesellschaft als matriarchal zu definieren: Die Verfügungsmacht über die zum Leben notwendigen Güter muss in Frauenhand liegen. Meist handelt es sich dabei um das Land, den Hof und die Erzeugnisse aus der landwirtschaftlichen Arbeit. Die ganze Familie trägt durch Arbeitsleistung dazu bei und die Erträge werden von der Vorsteherin des Haushaltes, der Matriarchin, verwaltet. Die Matriarchin trägt eine grosse Verantwortung, das Wohlergehen der ganzen Familie liegt in ihren Händen. Der Titel und die Aufgaben der Matriarchin werden von der Mutter auf die Tochter vererbt. Oft ist es die jüngste oder diejenige, die von allen als die fähigste angesehen wird. Das Land und das Haus sind Gemeinschaftsbesitz, es gehört allen und wird durch die matrilineare Erbregel nicht wie in westlichen Gesellschaften unter mehreren Nachkommen aufgeteilt und zerstückelt. Der stark ausgeprägte Gemeinschaftssinn führte bei den Mosuo zu einer besonderen Qualität des Zusammenlebens und des gegenseitigen Respekts.


Filmprojekt

Wie friedlich und liebevoll sich die Menschen begegnen, wie sorgsam sie in und mit der Natur leben, haben die Filmerinnen bei ihren längeren Aufenthalten in der Mosuo-Gesellschaft feststellen können. In ihren Filmsequenzen versuchen sie diese Werte und das Erlebte zu vermitteln. Fotos und Gespräche tragen zusätzlich dazu bei, ein lebendiges Bild dieser Bevölkerungsgruppe zu zeichnen. Der Abend im Frauenpavillon ist ein Werkstattbericht, später soll ein Film über die Mosuo entstehen. Die Ostschweizer/innen haben hier sozusagen als Vorpremiere die Gelegenheit, einige Sequenzen kennen zu lernen. Gezeigt werden u.a. Szenen von der Initiation eines Mädchens, das nach der Zeremonie Verantwortung in der Frauengemeinschaft übernimmt.


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